• Lisa

Corona und die Welle der Warmherzigkeit

Ich starre auf die Flüssigkeit im Covidtest, die sich immer weiter ausbreitet. Mein einziger Gedanke "Bitte nicht. Bitte nicht." Doch da ist er. Nach hunderten von negativen Test in den letzten zwei Jahren, ist da ein dicker, fetter zweiter Strich. Krank sein ist kacke. Alleine sein und krank sein ist doppelt kacke. Covid haben, in einer Stadt, in der man niemanden kennt, in der man kein Zuhause hat - um es in Chandlers Worten zu sagen: could it BE any more fucked up?!

Ich fühle mich lost und absolut verzweifelt, denn ich bin auf Hilfe angewiesen. Mehr, als jemals zuvor. Wer bringt mit Wasser, Essen, Schnelltests? Im Kopf rechne ich aus, wie viel mich das kosten wird, sollte ich eine Woche oder sogar länger in diesem Hotel bleiben müssen. Ich lasse der Verzweiflung freien Lauf, heule ein paar Minuten, um mich dann zusammen zu reissen, denn ich musss jetzt funktionieren, schließlich muss ich irgendwie einen Plan aushecken und das kann grad keine andere Person für mich tun. Mir fällt der Radfahrer von gestern ein, der mich angehalten hatte, um mich in die Casa Do Ciclista zu lotzen. Ich wusste bereits, dass der Fahrradclub Itanhaems ein Haus hat, das sie Radreisenden zur Verfügung stellen, ich hatte mir extra um sie zu kontaktieren, einen Facebook Account gemacht, aber keine Antwort erhalten. Allerdings war ich so erledigt (jetzt weiß ich auch wieso), dass ich abgelehnt hatte. Die Casa ist nur zwei Kilometer von hier entfernt. Es ist erst kurz nach sieben… Bestimmt sind nicht viele Menschen unterwegs. Ich könnte hinlaufen, in der Hoffnung diesen Radfahrer dort anzutreffen und unterwegs Schnelltests, etwas Proviant und vor allem Wasser kaufen. In Brasilien hat man nicht den Luxus, dass man mir nichts, dir nichts, aus dem Wasserhahn trinken kann.

Im dichten Nebel laufe ich los, vorher reiche ich der Frau an der Rezeption einen Zettel, auf dem ich mit Hilfe von Google Translate, auf portugiesisch geschrieben habe, dass ich Covid habe, ich nicht weiß, was ich tun soll, aber eventuell länger bleiben muss. An der Casa angekommen begrüßt mich ein geschlossenes Tor. Kein Mensch, keine Türklingel weit und breit. Auch mein Klopfen scheint niemand zu hören. Also google ich, wo die nächste Apotheke ist, die jetzt geöffnet ist - natürlich liegt sie 900m in die andere Richtung. Bepackt mit drei Liter Wasser, Brot, Obst, Sojamilch und sechs Schnelltests laufe ich zum Hotel zurück. Mein Körper findet das gar nicht lustig und das versucht er mir mit allen Mitteln der Kunst zu zeigen. Kurz vorm Hotel setze ich mich erschöpft und mit Schmerzen im ganzen Körper, auf deine Mauer. Ich schreibe Oskar aus Paraguay, der viel Kontakte in Brasilien hat - einen Versuch ist es wert. Ausserdem schreibe ich Irani, einem der Motorradfahrer, mit denen ich mich vor einigen Tagen durch den tiefen Matsch eines Offroadtrails gekämpft habe. „Schlechte Nachrichten, ich habe Covid und ich hoffe sehr, dass ich euch nicht angesteckt habe!“


Als ich im Hotel ankomme, hat Irani bereits sämtliche Leute kontaktiert, um herauszufinden, ob mir irgendjemand helfen kann. Er ruft bei der Rezeption an, um zu erklären, dass ich Hilfe brauche und besteht darauf, die Hotelrechnung für mich zu zahlen. Wenige Stunden später habe ich über Freunde von Freunden, von Freunden von Oskar die Nummer von Miriam, die hier vor Ort wohnt und sogar spanisch und englisch spricht. Sie schreibt, dass sie mir frisches Obst und Gemüse und Mittagessen vorbeibringen wird. Ich bin überwältigt und gerührt von so viel Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft. Gleichzeitig bin ich unfassbar erleichtert und kann mich entspannen und alle Energie in meine Genesung stecken. Mir fällt ein Stein vom Herzen.


Es fasziniert mich immer wieder, durch was für Zufälle man Menschen kennenlernt, wie verbunden man sich fühlen kann, obwohl man die Person gar nicht lange kennt und wie viele gute Leute es da draussen gibt. Es ist eine tiefe Dankbarkeit, die ich verspüre, solche Leute kennenlernen zu dürfen und so oft diese Warmherzigkeit erleben zu dürfen. Und wieder ist mein Glaubenssatz bestätigt worden: Es gibt mehr gute Leute, als schlechte auf dieser Welt.

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