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  • Lisa

Die Sache mit dem Kettenblatt

Voller Zuversicht starte ich in Guatapé Richtung Montebello. Die ersten 15 Kilometer laufen richtig gut, doch dann kommt der erste Berg. Ich versuche zu schalten und wieder blockiert die Kette und ich muss absteigen. Verzweifelt schiebe ich mein Fahrrad an den Straßenrand und frage mich, was ich tun soll. Ich mache das, was meine Generation immer macht, wenn eine Frage im Raum steht: Google. Tatsächlich befinde ich mich nur 600 Meter von einer Fahrradwerkstatt entfernt.


Diese Fahrradwerkstatt befindet sich diesmal in einer Garage. Neben einer verstaubten Vitrine, in der noch verstaubtere Fahrradteile liegen, tischlert ein junger Mann gerade etwas, das irgendwann mal eine Tür sein könnte. Als ich ihm erkläre, was das Problem ist, legt er kurz die Kettenverschleißlehre an und sagt, dass ich auf seinen Kollegen warten soll.

Dieser zeigt mir erneut das Kettenblatt und sagt, dass ich Ersatz brauche, den ich allerdings nur im 45 Kilometer entfernten Rionegro bekomme. Er feilt das Kettenblatt so, dass ich ohne größere Probleme dort ankomme.



Mir fällt ein Stein vom Herzen, als ich den Laden in Rionegro betrete. Überall hängen und stehen Fahrräder, es gibt glänzende Vitrinen, voller glänzender Kettenblätter und Kassetten. Zum ersten Mal entsteht Zuversicht. Jaime und Jorge kümmern sich um mich, als wäre ich ihre eigene Tochter. Während Jaime auf die Suche einer Lösung geht, unterhalte ich mich mit Jorge. Ich erzähle von meiner Spendenaktion für SOS Kinderdörfer (Aldeas infantiles SOS), er weiß sofort Bescheid und erzählt mir, wo sich das Kinderdorf in Rionegro befindet.


Jaime kommt mit schlechten Nachrichten wieder, mein Kettenblatt hat fünf Schrauben, die Kettenblätter in Kolumbien nur vier. Nun heißt es entweder eine neue Kurbel kaufen oder ein bis zwei Wochen warten, bis das Ersatzteil geliefert wird. Innerhalb weniger Minuten liegen drei verschiedene Kurbeln vor mir auf dem Tresen und ich entscheide mich für die, die am ehesten so ist, wie die, die Niklas von Little John Bikes für mich ausgesucht hat.

Da die Kurbel das komplette Fahrrad nun schwarz macht wird es von Jorge und mir neu getauft, von "Little John" zu "Little Black Panther".


Problem gelöst und weiter geht's, diesmal wirklich erleichtert. Ich quäle mich die Steigungen einer Schotterstraße hoch, während die Sonne alles gibt und mir auf den Kopf knallt. Auf losem Untergrund geht es dann auch bergab. Irgendwann gibt es einen Knall und ich liege auf dem Boden. Wie aus Reflex checke ich zu erst meine Knie - nichts passiert. Dann höre ich ein Zischen. Der erste Platte, am zweiten Tag meiner Reise. Ich nehme das Vorderrad ab und entdecke die Ursache des Platten - ein Zahnstocher hat sich durch den Reifen gebohrt. Schlauch wechseln, Staub abklopfen, weiter gehts.


2,5 KM vor dem iOverlander Spot (App für Wildcampingspots) verlassen mich all meine Kräfte, durch den Stop in Rionegro, habe ich wieder so gut wie nichts gegessen und da es mittlerweile auch dämmert, stehe ich verzweifelt und erledigt am Wegesrand. "Was mache ich jetzt?"

Ein Auto fährt an mir vorbei, kommt ein paar Minuten wieder zurück und hält neben mir an. William, ein Kolumbianer mit amerikanischem Pass, der seit über 10 Jahren in Kolumbien wohnt und eine riesige Farm hat, fragt mich, ob alles okay sei. Ich erkläre ihm meine Situation, als ich von dem Campingspot erzähle, schüttelt er nur den Kopf und lädt mich ein, auf seiner Farm zu schlafen, wo auch eine kolumbianische Familie wohnt, die mir etwas zu Essen zubereiten könnte. Kurz horche ich in meinem Bauch hinein, der mir sagt "William ist ein Guter!" (und da hat mein Bauchgefühl sich nicht geirrt!)

Ein paar Minuten später sitze ich mit Sack und Pack in seinem Auto und wir fahren die längste Auffahrt der Welt hoch. Ich treffe Diego, Brigitte und die kleine Emmy, eine zauberhafte Familie, die mich direkt versorgen, als sei ich ihre eigene Tochter.


Wieder einmal habe ich im richtigen Moment die richtigen Leute getroffen. Am nächsten Morgen starte ich nach einem guten Frühstück los, Richtung Abfahrt auf 590 HM, die letzten Kilometer auf losem Untergrund sind anstrengend, aber danach geht es durch atemberaubende Landschaften sehr lange bergab.

Auf 590 HM freue ich mich darüber, endlich wieder 20-25KM pro Stunde zu schaffen und treffe am späten Nachmittag am geplanten iOverlander Campspot ein. An einer Hauptstraße hat eine Familie einen kleinen "Natur-Pool", in dem man für 50 Cent schwimmen kann. Für drei Euro darf ich schwimmen, campen und essen.

Die Familie wohnt mit drei Generationen in einfachsten Verhältnissen unter einem Dach, abends springen sie alle zusammen in den Pool, ich höre sie noch lange plantschen. Der Zusammenhalt der Familie zeigt mir wieder mal, worauf es im Leben ankommt - die Menschen in unserem Leben. Am Ende des Tages ist es egal, was wir alles an Besitz haben, die Basis, das Sicherheitsnetz und das Wichtigste ist und bleibt unsere Familie/die Menschen, die wir lieben.


Genau deswegen habe ich mir SOS-Kinderdorf e.V. für meine Spendenaktion ausgesucht, weil jeder eine Familie braucht.



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