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  • Lisa

Grenzerfahrungen

Vor genau vier Wochen bin ich in Medellin los geradelt. Vier Wochen, die sich anfühlen wie vier Monate. Und das ist immer noch alles erst der Anfang.

Seit ein paar Tagen bin ich in Ecuador, nur noch wenige Kilometer und ich kreuze den Äquator. Das alles nur mit Muskelkraft. Ich könnte jetzt schreiben, wie viele Kilometer ich gefahren bin, wie viele Höhenmeter ich erklommen habe, oder wie viele Erdnussbuttergläser ich schon geleert habe. Aber in diesem Post soll es darum gehen, woraus Wheels Of Fortune letztendlich entstanden ist: Emotionen. Die ganze Reise ist eine emotionale Achtberbahnfahrt. Allerdings hat mich der Tag des Grenzübergangs nach Ecuador quasi aus den emotionalen Latschen gehauen. Als Europäer ist man Grenzübergänge nicht unbedingt gewohnt, auf meinen letzten Reisen habe ich dennoch viele erlebt, aber keiner war so wie dieser. Als erstes sehe ich die vielen Unicef Zelte und dann die vielen Venezolaner*innen, die entweder in einer langen Schlange darauf warten, noch einen Schritt Richtung besseres, sicheres Leben machen zu können, oder auf ausgelegten Pappstücken schlafen. Man kann ihnen die Erschöpfung regelrecht ansehen. Mir dreht es den Magen um, während ich von einem Sicherheitsmann zu einer anderen Schlange geschickt werde. Mit frischem Stempel im Pass radel ich los, die ersten Kilometer auf ecuadorianischem Boden. Es dauert nicht lange, bis ich die erste Gruppe Geflüchteter überhole. Sie laufen entlang der Panamericana, mit Bruchstücken ihres Lebens im Rucksack, Kindern an der Hand oder auf den Rücken geschnallt. Immer wieder drehen sie sich um, wenn sie ein Fahrzeug hören, strecken die Arme in die Luft, um es anzuhalten. Ich fahre an ihnen vorbei und wünschte, ich wäre mit einem Campervan unterwegs, um sie mitnehmen zu können. "Die sind eine längere Strecke gelaufen und getramped, als du mit dem Fahrrad gefahren bist.", Gedanken überfluten meinen Kopf und schnüren mir die Kehle zu. Ich fange an zu heulen, weil diese Welt so fies sein kann, weil diese Menschen ihre Heimat aufgeben mussten, Strapazen aut sich nehmen, um irgendwo ein besseres Leben zu finden. Irgendwann kann ich nicht mehr, ich fühle mich erschöpft, nicht körperlich, sondern emotional. Ich bin gerade auf einer Reise, eine Reise, für die ich hart gearbeitet und gespart habe, die einen guten Zweck hat, dennoch fühle ich mich so verwöhnt westlich, dass mir fast schlecht wird. Am nächsten Tag liegen die Erfahrungen immer noch schwer in meinem Magen, allerdings fühle ich die Wichtigkeit meiner Spendenaktion, wie niemals zuvor. Wir alle können zusammen etwas Großes erreichen, davon bin ich überzeugt.



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