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  • Lisa

Ich bin nicht Wonder Woman

Ich starre auf meinen Tacho. 4.998... 4.999... und zack, da ist sie, die 5.000... 5.000 Kilometer. Ich mache ein paar Fotos, schwinge mich aufs Rad und starte in die nächsten 5.000.

Abends poste ich eins der Bilder in die Facebook Gruppe eines Netzwerks alleinreisender Frauen, ohne große Erwartungen. Ich beende den Text zum Bild mit den Worten "Just do it." - Mach es einfach.

Ein paar Stunden später haben tausende Frauen auf das Bild reagiert. Mehrere Leute, die mir gratulieren, schreiben ich sei eine Inspiration. Verwundert scrolle ich durch die Kommentare. "Naja, so krass und einzigartig ist das, was ich hier mache nun auch nicht..." denke ich. Und erst, als meine Freundin Marie meinen Blick gerade rückt, verstehe ich, dass das eben irgendwie doch nicht "normal" ist. Auch wenn das Radfahren durch Südamerika, für mich so normal ist, wie eine Fahrradtour durch Brandenburg, heißt das nicht, dass es das auch für Andere ist. Auch wenn es für mich ein "No Brainer" ist, alleine zu reisen, ist es für viele Leute, vor allem viele Frauen(leider), etwas, das viel Mut verlangt.

Dieser Text ist für dich, ja dich, die/der seit Jahren diese eine Reise machen will, die/der seit Ewigkeiten diese verrückte Idee hat, sich aber nicht traut den ersten Schritt zu machen. Ja, genau für dich, die/der gehört hat, dass dieses eine Land "super gefährlich" ist und deswegen nicht hinreist, erst recht nicht alleine!

"Reisen bedeutet herauszufinden, dass alle Unrecht haben

mit dem, was sie über andere Länder denken."

Ich habe fast 40 Länder bereist und bestimmt gibt es auf dieser Welt überall irgendwen, dessen Cousine einen Freund hat, der wiederum von seinem Arzt gehört hat, dass Land X total gefährlich sei, weil der Freund, des Cousins, des Arztes dort nachts überfallen wurde.

Im Endeffekt kann einem überall irgendwas Blödes passieren. Nehmen wir meine Fahrradreise als Beispiel, ich könnte nach tausenden Kilometern wieder heil in Deutschland ankommen, dieses Ankommen zu doll feiern und dann nachts in der Kleinstadt meiner Eltern, zur falschen Zeit, am falschen Ort sein und überfallen werden.

"Aber hast du keine Angst" - die meist gestellte Frage. Nein, ich habe keine Angst. Wenn ich Angst hätte, hätte ich auch Vorurteile und würde jedem Menschen misstrauen und mich neuen Bekanntschaften irgendwie verschließen. Wenn ich Angst hätte, würde ich jetzt immer noch in Medellin im Hostel sitzen und auf mein Fahrrad starren. Wenn ich Angst hätte, würde ich nachts in meinem Zelt liegen, mit dem Messer in der Hand und keine Stunde Schlaf bekommen. Das heißt nicht, dass ich jedem blind vertraue oder ohne nachzudenken überall mein Zelt aufschlage, aber ich höre auf mein inneres Warnsystem. Es ist nämlich verrückt, was der Körper einem für "Signale" senden kann. In all den Jahren des Alleinereisens habe ich auf dieses Warnsystem gehört und gesunden Menschenverstand angewandt (wenn da ein Typ in einer dunklen Gasse steht und sagt, ich solle doch mitkommen, gehe ich halt einfach weiter) und mir ist noch nie etwas passiert.

"Was ist Reisen? Ein Ortswechsel? Keineswegs!

Beim Reisen wechselt man seine Meinungen und Vorurteile." Anatole France

Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen und hatte einen Opa, den ich zwar sehr geliebt habe, der aber der Meinung war, dass nur Jungs auf das Dach des Geräteschuppens klettern dürfen. Vielleicht ist damals schon diese "Ich mach das trotzdem"-Einstellung in mir gewachsen. Für mich gab es einfach keinen Unterschied zwischen Jungssachen und Mädelskram. Und deswegen habe ich auch niemals Angst vor dem Alleinereisen verspürt oder Reisen nicht gemacht, weil ich eine Frau bin. Aber ich bin auch nicht Wonderwoman!

Auf die Frage "Wie hast du damit angefangen?", sage ich immer: Einfach gemacht! Es muss ja nicht gleich die Soloreise nach Indien sein, man kann sich langsam ran tasten. Denn wenn man einmal die sichere Komfortzone des alltäglichen Lebens verlässt, merkt man schnell, dass es da draussen nicht unbedingt gefährlich ist, dass das irgendwie auch alles total normal ist und das es vor allem die unkomfortablen Momente sind, die einem Stärke und Lebenserfahrung schenken. Man merkt schnell, dass es irgendwie immer weiter geht, auch wenn man in einer aussichtslosen Situation zu stecken scheint.

"Ich wünschte ich wäre so mutig wie du!", solche Sätze machen mich traurig, denn ich bin auch nur ein ganz normaler Mensch und der Mut, den ich habe, steckt auch in dir, du musst nur an dich glauben und es einfach machen.

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