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  • Lisa

Mit dem Uber nach Ibagué

Ich wache vom Hundegebell der gesamten Nachbarschaft auf, ein Blick auf die Uhr: 5:15. Ich pelle mich langsam aus meinem Schlafsack und versuche die feuchte Zelttür so zu öffnen, dass keine Kondens-Sinnflut ins Zelt gelangt. Dann startet die Morgenroutine: alles zusammen packen und auf die Taschen verteilen, sodass sie ungefähr gleich viel wiegen (Werkzeugtasche, Proviant und Techniktasche, Küchen/Bad-Tasche, Kleiderschrank-Tasche), Zelt abbauen, Frühstück, Zähne putzen alles ans Fahrrad klemmen und los geht's.


Ich verlasse Salento nach zwei Nächten. Am ersten Tag hatte mir die Stadt absolut gar nicht gefallen, überall Touristen, an jeder Ecke jemand, der eine Tour, ein Mittagessen, Souvenirs oder Kaffee (Ich hasse Kaffee) verkaufen will.

Obwohl ich direkt wieder abreisen wollte, beschloss ich doch zwei Nächte zu bleiben, um mir das Cocora-Tal anzuschauen. Also stand ich am zweiten Tag um 7 Uhr bei den Jeeps, die die Leute zum Startpunkt der vier stündigen Wanderung bringen. Insgeheim hatte ich gehofft, dass ich andere Reisende treffe, denn nach den Nächten im Zelt oder in "Geisterhostels", brauchte ich endlich mal wieder ein gutes Gespräch mit einer Person, die nicht ich selber bin.

Doch leider waren in meinem Jeep nur Locals, die alle auf der Strecke irgendwo ausstiegen.


Also wanderte ich alleine los. Nachdem ich zwei Stunden nur bergauf gewandert war und mich so langsam fragte, wieso eine Wanderung durch das Cocora-Tal stundenlang bergauf, auf über 3.000 HM geht und wieso das Pärchen vor mir einen riesigen Rucksack dabei hat, fragte ich dieses Pärchen, ob dies immer noch der Rundweg sei. Nachdem sie mich aufklärten, dass sie auf einer Dreitageswanderung sein, drehte ich um, um zurück auf den richtigen Weg zu gelangen. Zum Glück ging es nicht nur mir so und ich traf erst auf Zach und Jake aus Kanada und Australien und dann auf Jenny und Dewan aus Schweden.



Obwohl die Wanderung nun nicht vier, sondern sieben Stunden dauerte, genoss ich es sehr, unter Menschen zu sein. Menschen, die ähnlich ticken, mit denen man sich über tiefgründige Sachen unterhält und erst nach Stunden nach dem Namen fragt.



Beflügelt von den sozialen Interaktionen fahre ich in Salento los. Die Etappe, die vor mir liegt, hat es in sich. 48km nur bergauf, von 1.700 auf über 3.200 HM, aber meine Laune ist so gut, dass es mir gar nichts ausmacht, das ich nur mit vier bis fünf KMH den Berg hinauf komme.

Stundenlang fahre ich in der Geschwindigkeit bergauf, werde im Minutentakt von LKWs und Reisebussen überholt, die in todesmutigen Überholmanövern regelrecht ein Rennen in Zeitlupe fahren.


Irgendwann wird die Straße zu breit, dass ich, die am Ende der Nahrungskette steht, entweder nach ganz innen oder ganz aussen der Kurven gezwängt werde und somit entweder die heftigsten Steigungen oder längsten Wege habe.


Circa fünf Kilometer vor der Spitze des Berges quäle ich mich um eine innere Kurve, die ich so schnell wie möglich versuche zu bezwingen, um nicht von einem LKW oder Reisebus überrollt zu werden. Plötzlich steht ein riesiger LKW, beladen mit einem riesigen Hapag Loyd Container am Straßenrand. "Hält der wegen mir?", frage ich mich und bleibe erschöpft stehen. Der Fahrer springt aus dem Führerhäuschen. "Bist du sehr müde?!" fragt er. "Ach, geht schon, geht ja gleich bergab!", sage ich und versuche dabei so wenig ausser Puste zu sein, wie möglich.

Er guckt mich an, mit einem Blick, den ich sehr gut kenne. Schon oft habe Leute getroffen, die mich so angeschaut haben. Es ist der väterliche "Ich-muss-mich-um-dich-kümmern-Blick". "Weißt du, es geht zwar gleich bergab, aber die Abfahrt ist so eng... Die ganze Straße bis nach Ibagué ist super eng. Und du siehst ja, was hier so fährt...", sagt er, während drei LKWS und vier Reisebusse an uns vorbei brausen.


Mein Bauchgefühl sagt mir direkt, dass dieser Mann mit dem netten Gesicht und weißem Haar, einer der Guten ist. Fünf Minuten später steht mein Fahrrad zwischen Führerhäuschen und Fracht und ich sitze gefühlt 10 Meter über der Straße, neben meinem Schutzengel namens Uber. Wir lachen darüber, dass ich mit einem Uber nach Ibagué fahre und mir ist sofort klar, dass Uber genau mein Schlag Mensch ist. Wir lachen, blödeln und singen laut zu einem Mix aus ABBA, Rolling Stones und Bob Marley. Als ich sehe, wie viel, bzw. wenig Platz zwischen Straßenrand und LKW ist, bin ich sehr froh, nicht auf dem Fahrrad zu sitzen.



Einige Stunden später komme ich in Ibagué an, Uber fährt mich so nah an die Stadt, wie er kann. Ich verabschiede mich von meiner absoluten Lieblingsbegegnung und radel Richtung Hostel. Da der Vibe der Stadt mir absolute Bauchschmerzen bereitet und das Hostel alles andere als gemütlich ist und ich der einzige Gast bin, beschließe ich nur eine Nacht zu bleiben und versuche am nächsten Tag, einen Tag vor meinem Geburtstag, eine 215KM Etappe nach Neiva hinzulegen.


Die Strecke ist das absolute Kontrastprogramm zu der vom Vortag. Keine Steigungen, flach wie ein Brett. In den ersten 3,5 Stunden lege ich 100 KM zurück und bin zuversichtlich, dass ich in Neiva in meinen Geburtstag hinein feiern kann.

Doch irgendwann erschlagen mich die 40 Grad Hitze. Alle halbe Stunden halte ich irgendwo an, um Wasser aufzufüllen, ich trinke unfassbar viel, fühle mich dennoch ständig durstig und muss kein einziges Mal auf Toilette.


Nach 175 KM ziehe ich die Notbremse. Erschöpft falle ich ins Bett. Am nächsten Morgen gibt mir nur die Anzahl der Nachrichten auf meinem Handy das Gefühl, dass heute mein Geburtstag ist. Punkt sechs Uhr sitze ich auf dem Fahrrad und fahre die letzten Kilometer nach Neiva.

Ich bekomme aus allen Ecken der Welt die süßesten, liebsten Geburtstagswünsche, aber in mir drin fühlt es sich irgendwie nicht wirklich nach Geburtstag an. Doch ich schließe Frieden damit und horche in mich hinein, was ich will und brauche. Plötzlich bekomme ich eine EMail über den Spendenstand meiner Aktion für SOS-Kinderdorf e.V.. 1.050€ sind schon zusammen gekommen. Gestern waren es noch 600€. Gänsehaut breitet sich auf meinem gesamten Körper aus, Tränen schießen mit in die Augen und ich kann mir ein lautes, quietischiges "Ooohhhhh" nicht verkneifen.


Abends gönne ich mir im einzigen veganen Restaurants der Stadt ein unfassbare leckeres Abendessen. Da es sogar Kuchen gibt, nehme ich ein Stück mit und esse es im Hostel in absoluter Ruhe. Zufrieden und glücklich gehe ich schlafen.




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